Die große dänische Jagdhündin im Mittelalter – Spurensuche in Kirchen und Chroniken
Mittelalterliche Kirchenmalereien in Dänemark zeigen große Jagdhunde an der Seite von Königen und Adligen – oft mit Halsband, kupierten Ohren und mitten in der Hatz. In diesem Beitrag schauen wir uns diese frühen „großen Hunde“ an und fragen, was sie uns über die Vorläufer der Dänischen Dogge verraten.
Wenn man in einer alten Dorfkirche steht, erwartet man Heilige, Engel und vielleicht ein paar Fabelwesen an den Wänden – aber nicht unbedingt große Jagdhunde mitten in der Hatz. Genau solche Hunde begegnen uns jedoch in mehreren mittelalterlichen Kirchen in Dänemark: schlanke, kräftige Tiere, die Hirsche oder Füchse stellen, begleitet von Jägern mit Horn und Leine.
Für mich sind diese Bilder ein faszinierender Einstieg in die Frage, wie die frühen „großen Hunde“ ausgesehen haben, aus denen viel später die Schläge hervorgingen, die wir heute mit der Dänischen Dogge in Verbindung bringen.
Fresken als historische Momentaufnahmen
Dänische Kirchen der Spätgotik sind erstaunlich reich mit Wandmalereien ausgestattet, die nicht nur biblische Szenen, sondern auch Alltag, Jagd und Volksglauben zeigen. Unter diesen Fresken finden sich immer wieder Jagdszenen, in denen große Hunde deutlich erkennbar sind: Sie laufen vor den Reitern, hetzen dem Wild hinterher oder stehen dicht an der Beute.
In der Verasir‑Reihe wird in „De store hunde i den katolske Middelalder“ genau hingeschaut: Körperbau, Bewegungsablauf, Stellung zur Beute und die Rolle der Hunde in der Bildkomposition werden als Hinweise darauf gelesen, welche Art von Jagd und Hundetyp dargestellt ist. Diese Fresken sind keine zufällige Dekoration, sondern visueller Ausdruck der Jagdpraxis und des Selbstbildes der Oberschicht jener Zeit.
Wie sehen diese großen Hunde aus?
Auf den beschriebenen Fresken erscheinen die Hunde meist als relativ große, eher myndeartige Jagdhunde („Myndeartig“ bezieht sich auf den alten Begriff „Mynde“ – das war eine historische Bezeichnung für windhundartige Hetzhunde) mit tiefem Brustkorb, langem Bein und deutlichem Halsband. Sie sind nicht schwer und blockig wie spätere Mastiff‑Typen, sondern wirken gebaut für Tempo und Ausdauer – klassische Hetzhunde, die dem Wild über längere Strecken folgen können.
Ein wiederkehrendes Motiv ist der junge Jäger mit Horn und Hundeleine, der die Hunde führt oder sie in die Hatz schickt. Mehrere Tiere laufen oft im „Kobbel“, also als eingespieltes Gespann, was darauf hinweist, dass es sich um speziell trainierte Jagdhunde und kein beliebiges Hofgesinde handelt. Obwohl die Malereien stilisiert sind, lässt sich ein klarer Typ ablesen: der „große Hund“ der Zeit – funktional, schnell, jagderprobt.
Wem gehörten diese Hunde?
Die Fresken zeigen in der Regel keine Bauern bei der Alltagsjagd, sondern höfische oder zumindest adlige Jagdszenen. Pferde, Gewänder, Waffen und die Inszenierung der Jagd sprechen dafür, dass hier eine privilegierte Schicht abgebildet wird, für die Jagd zugleich Nahrungserwerb, Sport und Statussymbol war.
In der Verasir‑Auswertung wird argumentiert, dass es sich oft um Königshunde oder um Hunde aus adeligen Zwingern handelt, die gezielt für die Jagd auf Hochwild gehalten wurden. Wappen und Stifterfiguren im selben Raum unterstützen diese Einordnung: Die großen Hunde stehen ikonografisch näher am Adel als am einfachen Landvolk.
Verbote und Privilegien: große Hunde im Gesetz
Spannend wird es, wenn man die Bildquellen mit zeitgenössischen Verordnungen und Gesetzen zusammenliest. In verschiedenen mittelalterlichen Bestimmungen werden „große Hunde“ im Besitz von Bauern und Bürgern eingeschränkt oder an Bedingungen geknüpft – etwa durch Maulkorb‑ und Haltungsauflagen oder durch Begrenzungen der Anzahl.
Diese Verbote machen nur Sinn, wenn solche Hunde außerhalb des Adels bereits verbreitet waren oder als Problem wahrgenommen wurden. Gleichzeitig zeigen die Fresken genau die andere Seite: die großen Hunde in der Hand derjenigen, die das Jagdrecht für sich beanspruchten. So entsteht ein Doppelbild: rechtlich regulierte „große Hunde“ unten, repräsentative „große Hunde“ oben an der Kirchenwand.
Sind das schon „Dänische Doggen“?
Aus heutiger Sicht liegt es nahe, diese frühen „großen Hunde“ als direkte Ahnen der Dänischen Dogge zu bezeichnen – aber so einfach ist es nicht. Im Mittelalter gab es keine Rassebegriffe im modernen Sinne, und viele Hundetypen überschneiden sich in Funktion und Erscheinung.
Ich lese die Fresken und die dänische Verasir‑Interpretation daher eher so: Wir sehen hier einen klar erkennbaren Typ großer Jagdhunde, der in der Region Dänemark/Norddeutschland eine wichtige Rolle gespielt hat und später in Texten und Benennungen großer „dänischer Hunde“ nachhallt. Ob man diese Tiere im Rückblick „Vorläufer der Dänischen Dogge“ nennt, ist eher eine Frage der Perspektive – entscheidend ist, dass der Typ als solcher greifbar wird.
Wie ich diese Quellen nutze
Für diesen Beitrag stütze ich mich vor allem auf die dänische Reihe „De store hunde i den katolske Middelalder“ auf Asernes Æt Verasir, die die Kirchenausmalungen systematisch durchgeht. Dazu kommen allgemeine Übersichten zu dänischen Kirchenfresken und Hinweise zur Darstellung von Jagd und Hunden in der mittelalterlichen Kunst.
Ich fasse diese Inhalte hier in eigenen Worten zusammen und ziehe vorsichtige Linien in Richtung der späteren großen „dänischen Hunde“, ohne den Fresken eine exakte Rasse‑Zuordnung überstülpen zu wollen. Wo sich verschiedene Deutungen anbieten, lasse ich die Tür bewusst offen – und freue mich über Hinweise, Korrekturen oder Ergänzungen.
Ausblick: Von Fresken zu Jagdhöfen
In den mittelalterlichen Fresken haben wir eine erste Begegnung mit den großen Jagdhunden, die in Dänemark und Umgebung unterwegs waren. Im nächsten Teil der Serie gehen wir einen Schritt weiter: Dann schauen wir auf die höfische Jagd der frühen Neuzeit, auf königliche Hundegärten und auf den Übergang zur Parforce‑Jagd, in der die großen Hunde eine neue Rolle und teilweise auch neue Gestalt bekommen.
Von der schlanken Jagdhündin im Kirchenfresko führt der Weg dann zu den schwereren, kraftvollen Hunden auf Jagdteppichen und Gemälden – und wir nähern uns weiter der Frage, wie aus „den store hund“ irgendwann die verschiedenen Doggen‑Typen wurden.

